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|  | Klaus Wettig: Rede auf Gedenkveranstaltung zum 100. Geburtstag von Hannah Vogt | |  | | |  |

2. März 2010, Altes Rathaus, Göttingen Eine Biografie des 20. Jahrhunderts 1910 – dem Geburtsjahr von Hannah Vogt – schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Krisen bewegten die europäische Welt, doch an die große europäische Katastrophe, die wenige Jahre später ausbrach, vermochte niemand zu glauben. Hannah Vogt wächst, wie ihre Geschwister, in sehr geordneten Verhältnissen auf, die auch durch Kriegs- und Nachkriegsnot kaum beeinflusst werden. Als der Vater nach dem Ersten Weltkrieg Bibliotheksrat an der Göttinger Universitätsbibliothek wird, kann die Familie ein Haus am Hainholzweg erwerben und die Familie der Mutter – die wohlhabende Fabrikantenfamilie Puwelle aus Gütersloh – sorgt stets für die Beamtenfamilie Vogt in Göttingen. Wann Hannah Vogt, die sich auf dem Oberlizeum, dem heutigen Hainberggymnasium, auf das Abitur vorbereitet, in Kontakt zu politischen Gruppen kommt, lässt sich nicht genau bestimmen. Sicher ist nur, dass es Gruppen der Jugendbewegung waren und dass dazu auch das Umfeld des Göttinger Philosophen Leonard Nelson gehörte, mit dem Internationalen Jugend-Bund (IJB) und dem Internationalen Sozialistischen Kampf-Bund (ISK). Sie kommt dort mit politisch-programmatischen Überlegungen in Kontakt, ohne Mitglied zu werden. Der Anschluss an eine politische Organisation erfolgt erst mit Beginn ihres Studiums, als sie 1930 nach einem im politischen Brennpunkt Berlin verbrachten Semester sich der Kommunistischen Partei Deutschlands anschließt. Es folgen die Stationen Göttingen, Hamburg und wieder Göttingen, sie übernimmt Funktionen in der KPD und ihren Organisationen, ergreift eine aktive Rolle in der Auseinandersetzung mit den immer stärker werdenden Nationalsozialisten. Ihre letzte Aufgabe war die Beteiligung am Abwehrkampf im Harz vom Standort Bad Lauterberg aus. Gemeinsam mit dem KPD-Führer Karl Peix und anderen Mitstreitern versuchten sie die Arbeiterschaft in dem damals noch existierenden Harzer Bergbau und Hüttenwesen über das drohende Unheil des Nationalsozialismus aufzuklären. Der Historiker Hans Hesse hat in der Einleitung zu dem Briefband, aus dem noch gelesen werden wird, diesen Weg Hannah Vogts nachgezeichnet, sodass ich mich auf wenige Bemerkungen beschränken kann. Kurz nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933, bevor noch das Ermächtigungsgesetz vom 23. März die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzte, wird Hannah Vogt mit ihren kommunistischen Freunden aufgrund preußischer Sondergesetze am 10. März verhaftet; in Preußen regierte schon der Nazi Hermann Göring als Ministerpräsident. Es folgte die Haft in Osterode und schließlich die Einlieferung in das im April eingerichtete KZ Moringen. Moringen war eines der ersten Konzentrationslager in Preußen und deshalb ein Sammelort für die im Frühjahr überall verhafteten Kommunisten und Sozialdemokraten. Aus Osterode und Moringen kann Hannah Vogt schreiben, doch ihre Briefe unterlagen der Zensur, sodass sie die Haftbedingungen nur andeuten. Erst aus späteren Veröffentlichungen können wir genaueres erfahren, wozu die Edition der Aufzeichnungen von Gabriele Herz durch Jane Caplan in Das Frauenlager von Moringen neue Informationen beigetragen hat. Zu Weihnachten 1933 wird Hannah Vogt wie viele Häftlinge im Zuge der Weihnachtsamnestie Hermann Görings entlassen. Nach der Entlassung befand sich Hannah Vogt in einer Sackgasse: sie brauchte Monate der Erholung von der schweren Haft, ihr persönliches Umfeld – mit Ausnahme der Familie – war zerstört, vom Studium an allen Hochschulen war sie ausgeschlossen. Es begann ein langer Umweg bis sie erneut an ihr Studium anknüpfen kann. Ein Wechsel nach Berlin verschaffte ihr Freiraum vor unmittelbarer Verfolgung, doch – wer einmal verhaftet war, muss stets mit neuer Haft rechnen, deshalb hält sie Distanz zu jeder politischen Betätigung. Ihre Ablösung vom Kommunismus hatte schon während der Haft begonnen, sodass sie deswegen nicht erneut in Verdacht gerät. Nachdem sie 1939 eine Ausbildung als DRK-Schwesternhelferin absolviert hat und in dieser Aufgabe bis 1942 arbeitet, bekommt sie ihre Studienberechtigung zurück und kann in Marburg 1944 den Diplom-Volkswirt erwerben. Das Kriegsende öffnete für Hannah Vogt den Weg in einen Neubeginn. Nach dem abgeschlossenen Studium kann sie mit ihrer Promotion noch 1945 in der wieder eröffneten Universität Göttingen ihre Qualifikation verbessern. Ihre Dissertation Der Arbeiter. Wesen und Probleme bei Friedrich Naumann, August Winnig, Ernst Jünger verhilft ihr zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften, obwohl in heutiger Wertung betrachtet, ihre Analyse der Texte von Naumann, Winnig und Jünger eher dem Fach Soziologie zugerechnet werden muss. Mit einer wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchung hat die Arbeit wenig zu tun, doch erlaubte die damalige Ausrichtung der Wirtschaftswissenschaften solche soziologischen oder wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Arbeiten. Bei der Arbeit an ihrer Dissertation begegnete Hannah Vogt den Ideen von Friedrich Naumann. Naumanns Vorstellungen von einer sozialen Verantwortung des Liberalismus, die den Ausgleich von Kapital und Arbeit wollten und den Arbeiter als gleichberechtigten Partner im demokratischen Staat ansahen, hatten in der Weimarer Republik nur begrenzten Einfluss auf die beiden liberalen Parteien erreicht. Nach dem Ende des Nationalsozialismus sollten sie – reaktiviert – größeren Einfluss auf die neu gegründete Sammelpartei des Liberalismus, die Freie Demokratische Partei, die FDP, gewinnen. In Göttingen, wo der Linksliberalismus bis 1933 eine Hochburg besaß, fanden die Ideen Naumanns Anklang in der neuen FDP. Der Eindruck, den die Beschäftigung mit Naumanns politischem Programm bei Hannah Vogt hinterlassen hatte, bewegte Hannah Vogt, sich politisch in Richtung FDP zu orientieren, denn sie wollte für den Aufbau einer funktionierenden Demokratie wirken und suchte die Mitarbeit in einer politischen Partei. Zur Kommunistischen Partei Deutschlands, die sich wieder gegründet hatte, gab es keinen Rückweg. Sie hatte sich vom kommunistischen Programm schon in den ersten Jahren nach der KZ-Haft abgelöst; später bestärkten sie die wenigen Informationen, die sie über die stalinistischen Schauprozesse und den nicht erklärbaren Hitler-Stalin-Pakt erhielt, der aus dem Todfeind Nazi-Deutschland plötzlich einen Verbündeten der Sowjetunion machte, in diesem Ablösungsprozess. Es hätte nahe gelegen, zur wieder gegründeten SPD zu gehen, eine Entscheidung, die viele Kommunisten trafen, denen – wie Hannah Vogt – Zweifel am kommunistischen Weg gekommen waren. Sehr persönliche Motive gaben den Ausschlag für ihren FDP-Eintritt, den sie nicht sofort vollzog, sondern erst im Vorfeld der Kommunalwahl 1948. Göttingen hatte den Zweiten Weltkrieg wenig zerstört überstanden, aber die Stadt war zu einer Flüchtlingsstadt geworden. Die Vorkriegseinwohnerzahl hatte sich von 40.000 auf 80.000 Einwohner verdoppelt, sodass sich die materielle Not in Göttingen nicht von schwer zerstörten Städten unterschied. Im Kampf gegen die Notlage engagierten sich Frauen des Ostviertels, überwiegend akademisch gebildet, erkennbare Repräsentantinnen des guten Göttinger Bürgertums, die die Göttinger Nothilfe gründeten, für die Hannah Vogt mehrere Jahres als Geschäftsführerin arbeitete. Auch darüber hinaus wirkte sie in den neu entstehenden überparteilichen Organisationen, unter denen der Göttinger Frauenring eine zentrale Stellung einnahm. Dort arbeiteten die Frauen zusammen, die sich wie sie für eine demokratische Gesellschaft engagieren wollen, ohne eine Verpflichtung auf als dogmatisch angesehene Parteipositionen. Im Zeitbewusstsein entsprach als Partei die FDP am Deutlichsten dieser Vorstellung, weshalb dieser Frauenkreis die FDP unterstützte und einige sich sogar zur Mitgliedschaft entschlossen. Hannah Vogt orientierte sich dabei an Ehrengard Schramm, die 10 Jahre älter als Hannah, durch eigene Herkunft und das Renommee ihres Mannes gestärkt, des Historikers Percy Ernst Schramm, zur zentralen Koordinateurin dieses gesellschaftspolitischen Engagements wird. Beide bewegte der Aufbau der Demokratie, die Wiedergutmachung des nationalsozialistischen Unrechts und die Aussöhnung, beide entschieden sich für politisches Engagement und gegen Abstinenz. Sie bleiben seit den Nachkriegsjahren befreundet und ihr politischer Weg verläuft ziemlich ähnlich. Für den Göttinger Rat kandidierte Hannah Vogt erstmals 1948 auf der FDP-Liste, wie auch Ehrengard Schramm, wird jedoch nicht unmittelbar gewählt, rückt aber später nach. Erst 1952 schaffte sie den direkten Sprung in den Rat. Dem damals 37-köpfigen Rat gehörten nur zwei Frauen an, doch sie vermag sich sehr schnell Gehör zu verschaffen und in der für sie wichtigen Frage der politischen Bildung folgt ihr der Rat fast einstimmig, als sie vorschlägt, Jungbürgerfeiern zu richten, auf denen jährlich die neuen Wahlberechtigten – bis 1972 das vollendete 21. Lebensjahr – in einem freundlichen Fest als neue Wahlbürgerinnen und -bürger begrüßt werden. Erst in den turbulenten Diskussionen nach 1968 gehen die Jungbürgerfeiern unter. Stadtgeschichte schreibt Hannah Vogt jedoch bei einer anderen bedeutenden Entscheidung. Nach den durch die Nachkriegszeit bestimmten Übergangslösungen an der Spitze der Stadt, dem damaligen Oberstadtdirektor, muss 1951 ein neuer Verwaltungschef gewählt werden. Unter Führung der 15-köpfigen FDP-Fraktion, die den Rat dominierte, denn die SPD hatte nur 12 Sitze, die CDU 6 Sitze, die rechtsradikale Deutsche Reichspartei hatte 3 und die KPD einen Sitz, sollte ein Repräsentant des bürgerlichen Lagers, zu dem sich FDP, CDU und DRP rechneten, zum neuen Oberstadtdirektor gewählt werden. Aus den ausgewerteten Unterlagen wird nicht deutlich, warum die das Auswahlverfahren bestimmende FDP-Fraktion auf den hochrangigen Ex-Nationalsozialisten Wilhelm Sievers verfiel. Sievers war ein Altmitglied der NSDAP, deshalb besaß er das Goldene Parteiabzeichen, seine Ämter nach 1933 waren Oberbürgermeister in Flensburg und in Brandenburg/Havel gewesen. In der SS hatte er den Rang eines Standartenführers, abgeordnet zum SD, bekleidet. Zu Sievers wäre noch mehr zu sagen, nicht alles mochte beim damaligen Zugang zu den Archiven bekannt sein, das meiste war aber den Betreibern seiner Wahl wohl nicht verborgen, denn sie organisierten die Auswahl abgeschottet, deutlich an den zuständigen Ratsgremien vorbei. Im Jahre 1951 funktionierte eine kritische Öffentlichkeit schon, sodass das Sievers-Komplott aufgedeckt und in der Göttinger Presse veröffentlicht wurde. Trotz heftiger Verteidigung der Sievers-Kandidatur – auch durch das Göttinger Tageblatt – scheiterte seine Wahl im Rat. Von den Liberalen scherten aus: Hannah Vogt, Arthur von Fumetti, ein ehemaliger Reichsjustizminister der Weimarer Republik und ein weiterer Ratsherr. 4 Mitglieder der 6-köpfigen CDU-Fraktion lehnten ebenfalls Sievers ab. Sie kamen sämtlich aus der Zentrumstradition. Mit den Stimmen der SPD und des KPD-Ratsherrn war damit Sievers der Weg an die Spitze der Stadt versperrt. Hannah Vogts Verhalten ist kennzeichnend für ihre Unbeirrbarkeit und ihren Mut in Schlüsselentscheidungen. Sie war bereit vieles zu akzeptieren, aber keinesfalls die Rückkehr eines prominenten Funktionsträgers der Nazi-Zeit in eine zentrale politische Position. Dass ihre Umbeugsamkeit in der Sievers-Frage keine breite Zustimmung in der FDP auslöste, vermag man sich leicht vorzustellen. 1952 zog Hannah Vogt noch einmal in den Rat ein, doch ihre Wirkungsmöglichkeiten hatten sich deutlich verringert, denn die Sievers-Unterstützung durch die FDP-Oberen drückte die Rechtsverschiebung in der niedersächsischen und nordrhein-westfälischen FDP aus, die die Publizistik von der unterwanderten FDP sprechen ließ. Auch in Göttingen war dieser Rechtstrend zu spüren. In Nordrhein-Westfalen intervenierte bald darauf die Britische Militärregierung und in Niedersachsen stolperte die FDP 1955 wegen der Rechtstendenzen in die Schlüter-Affäre. Für Hannah Vogt zeigte sich in jenen Jahren deutlich, dass sie ihre neue politische Heimat bald verlieren könnte, schon gar nicht durfte sie auf möglichen politischen Aufstieg hoffen. Da sich auch ihre berufliche Situation verschlechterte, die sozialen Hilfsverbände veränderten sich, und ihre publizistische Tätigkeit, die sie zum Hauptberuf entwickeln wollte, erbrachte keine hinreichenden Einnahmen, musste sie mit der Suche nach anderen beruflichen Möglichkeiten beginnen. Auch eine wachsende politische Isolation nach der Sievers-Entscheidung wirkte darauf ein. Beim Fortgang aus Göttingen half ihr der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Arno Hennig, der von 1949-1953 den Wahlkreis Göttingen-Münden im Bundestag vertreten hatte. Hennig war nach seiner Nichtwahl 1953 im folgenden Jahr Hessischer Kultusminister geworden, er holte Hannah Vogt nach Wiesbaden. Sie sollte beim Aufbau der in Gründung befindlichen Landeszentrale für Politische Bildung helfen. Von 1954 bis 1965 arbeitete sie als Referentin in Wiesbaden. Sie kann ihre schriftstellerischen Anfänge weiter entwickeln und schreibt schließlich den Bestseller Schuld oder Verhängnis, der auf eine Gesamtauflage von 500.000 Exemplaren kommt, sie entfaltet eine reiche Vortragstätigkeit, in deren Mittelpunkt der Nationalsozialismus steht, sie will dazu beitragen, dass Geschehenes unwiederholbar wird. Dem dient auch ihr verbandspolitisches Engagement in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und beim Ausbau des Bundesverbandes für politische Bildung. Sie ist vielfach Vorsitzende, stellvertretende Vorsitzende, Vorstandsmitglied, und wo es an Initiative fehlt, ergreift sie diese. So baut sie in Niedersachsen nach ihrer Rückkehr 1965 den Landesverband des Verbandes für politische Bildung auf und übernimmt länger als ein Jahrzehnt dort den Vorsitz. Die Zustimmung, die sie bei dieser Arbeit erhält, auch die wachsenden Einnahmen aus ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, gaben den Anstoß zur Rückkehr nach Göttingen. Hannah Vogt war in Wiesbaden aus der FDP ausgetreten und 1962 zur SPD gewechselt. Schon vorher ging ihre Freundin Ehrengard Schramm diesen Weg. Ehrengard Schramm hatte nach der Schlüter-Affäre die FDP verlassen. Kurz darauf stellte die Göttinger SPD sie als Nachfolgerin Peter von Oertzens 1959 für den Landtag auf, in den sie 1959 und 1963 gewählt wurde. Da sie 1967 nicht erneut kandidieren wollte, signalisierte sie Hannah Vogt den beabsichtigten Rückzug und vermittelte ihr die Einschätzung, dass eine Chance für Hannah Vogts Nominierung bestünde. Ein gewünschtes Parlamentsmandat schien also greifbar zu sein. Tatsächlich war Ehrengard Schramms Einschätzung zu optimistisch. Im Rückblick von heute bis 1947 stellte die Göttinger SPD in diesem Wahlkreis häufiger Frauen als Männer auf – insgesamt kandidierten bei 16 Landtagswahlen sechs Mal Männer und zehn Mal Frauen, doch 1967 waren die Chancen für eine Frauenkandidatur gering. Es bewarben sich der neue Oberbürgermeister Walter Leßner, die Universitätsdozentin Dr. Ingeborg Nahnsen und der frühere Landtagsabgeordnete Peter von Oertzen, inzwischen Professor in Hannover, wollte in die Landespolitik zurückkehren. In diesem Feld gab es keine realistische Chance. Peter von Oertzen fand sehr schnell Mehrheiten und am Ende des Verfahrens verzichteten die Mitbewerber auf die Schlussabstimmung, sodass er nahezu einstimmig aufgestellt wurde. Für Hannah Vogt, und auch für Ingeborg Nahnsen, bewirkte das Aufstellungsverfahren ein eindeutiges Votum für die Ratswahl 1968. 14 Jahre nach ihrem Rückzug aus der Stadtpolitik begann eine zweite Runde im Göttinger Rat, die von 1968 bis 1981 dauern sollte. Die Ratsjahre begründeten das besondere Ansehen Hannah Vogts in dieser Stadt und sie wurden später durch vielfache Ehrungen gewürdigt, nicht zuletzt durch die Verleihung des Ehrenbürgerrechts 1987. Die breite Zustimmung, die Hannah Vogt in ihrem erneuten kommunalpolitischen Engagement erfuhr, stoßen ihre Freunde in der SPD an, sie für die Ratswahl 1973 als Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin zu nominieren. Erste Oberbürgermeisterin der Stadt Göttingen zu werden, das Amt als Sprachrohr für Initiativen zu nutzen, die nur schwer ein Gehör finden, das reizte sie an dieser Kandidatur. Mit Schwung und viel Hoffnung ging sie in diese Kandidatur, die in einer bitteren Enttäuschung endete. Am Wahltag 25. März 1973 gewannen die Koalitionspartner SPD und FDP eine sichere Mehrheit im Rat, doch die Liberalen erklärten in der ersten Verhandlungsrunde, dass sie die Zusammenarbeit festsetzen möchten, die Wahl von Frau Vogt aber nicht unterstützen könnten. Mit Mehrheit hatte die FDP-Ratsfraktion entschieden, dass sie ein ehemaliges FDP-Mitglied nicht als Oberbürgermeisterin akzeptieren wollten. Nach Tagen des Erschreckens über diese Forderung folgte der Verzicht. Hannah Vogt wollte der weiteren Zusammenarbeit nicht im Wege stehen, die gerade in ihrem politischen Feld – der Kulturpolitik – seit 1968 so viel auf den Weg gebracht hatte. Der neue Kandidat der SPD hieß Artur Levi, der von 1973 bis 1981 und wiederum von 1986 bis 1991 als Oberbürgermeister amtierte. Geschmerzt hat sie dieser Verzicht noch lange. Wäre das Oberbürgermeister-Amt doch Ausgleich gewesen für die Lebens- und Gestaltungschancen, die ihr die zwölf Jahre des Nationalsozialismus und die schwierige Nachkriegszeit genommen hatten. Wer mit Hannah Vogt zusammen gearbeitet hat, mit ihr befreundet war, erlebte sie auch nach dieser Niederlage mit ungebrochenem Tatendrang. Und sie bewirkte noch viel in der Ratspolitik. Vor allem engagierte sie sich nun in der Erinnerungsarbeit für das KZ Moringen, das bis in die 1970er-Jahre zu den vergessenen Konzentrationslagern gehörte. Niemand wollte sich so recht an die Konzentrationslagerzeit in Moringen erinnern, auch die Zeitzeugen schwiegen dazu. Die schreiberfahrene Hannah Vogt, die dort Häftling gewesen war, verfasste die erste Dokumentation, die herausgegeben von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Göttingen und dem evangelisch-lutherischen Pfarramt Moringen, vom damals noch kaum bekannten Steidl Verlag als vervielfältigte Broschüre vertrieben wurde. Auf welche Widerstände diese Erinnerungsarbeit stieß, zeigte 1983 – 50 Jahre nach Einrichtung des KZ Moringen – eine Gedenkveranstaltung, die Hannah Vogt mitorganisierte. Die Stadt Moringen wollte sich nicht daran beteiligen. Dass Moringen eine Gedenkstätte erhielt und dort Aufklärung geschieht, dazu hat Hannah Vogt die ersten Anstöße gegeben, überhaupt rückte die Erinnerungsarbeit in das Zentrum ihres politischen Engagements. Als Hannah Vogt 1981 sich aus der Ratsarbeit zurückzog, war das Bedauern allgemein: Doch sie wollte souverän bleiben und nicht erst aufhören, wenn dies von ihr verlangt würde. Im Jahrzehnt danach blieb sie politisch aktiv und übernahm noch viele politische Aufgaben. Vor allem griff sie in Debatten ein, half mit Erfahrung und Weitblick in schwierigen Situationen. Hannah Vogt war eine außergewöhnliche Frau. Dem Leben zugewandt, stets ein Mittelpunkt für viele Menschen und ein sicherer Ankerplatz. Ihr Haus, Hannahs und Mariannes Garten, waren Stätten des Zusammentreffens, des Gesprächs, der Geselligkeit. Am Ende ihres Lebens verneigten wir uns vor ihrer großen Lebensleistung. Sie hatte viel erlebt von deutscher, von europäischer Geschichte. Sie hatte versucht, ein geradliniges Leben zu führen, in diesem Zeitraum voller Brüche, Verwerfungen und Zerstörungen. Aus ihren Erfahrungen vermittelte sie uns, dass der Widerspruch notwendig ist, selbst wenn das vermeintlich Richtige nachdrücklich eingefordert wird. Und sie bestand darauf, dass auf die Politik der in deutschem Namen begangenen Verbrechen eine Politik der Aussöhnung und des Friedens folgen müsse. Zu ihrem 100. Geburtstag gedenken wir Hannah Vogt mit Achtung und Dankbarkeit. Klaus Wettig, Göttingen, am 02.03.2010 
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