Vortrag von Klaus Wettig in der begleitenden Vortragsreihe zur Ausstellung „Euch zum Trotz“ aus Anlass des 75. Jahrestages der Bücherverbrennungen.
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Wer 1933 und in den nachfolgenden Jahren das brutale Vorgehen und den Terror der Nationalsozialisten gegen Andersdenkende mit Überraschung und Erstaunen erlebte, musste sich vorhalten lassen, dass nichts, aber auch gar nichts Überraschendes daran war. Die Nazis hatten in ihren Schriften – Adolf Hitler in Mein Kampf und der Kulturideologe Alfred Rosenberg in Mythus des 20.Jahrhunderts – angekündigt, wie sie mit ihren politischen Gegnern, insbesondere mit einer undeutschen, nichtvölkischen, antinationalen, republikanischen, sozialistischen, pazifistischen Kultur, umzugehend gedachten. Ausmerzen hieß ihr Lieblings-Verb für die angedachten Aktionen, die die Repräsentanten des Undeutschen, die Künstler und Produzenten, treffen sollten.
Die nationalsozialistischen Medien waren von Anbeginn ihres Erscheinens nicht müde geworden, diesen Kampf zu propagieren, immer neue Hassobjekte wurden entdeckt, immer neue Volksschädlinge wurden ausgemacht.
Nicht nur der Völkische Beobachter, die reichsweit verbreitete Tageszeitung der NSDAP, predigte diesen Kurs in einer beleidigenden Sprache, auch die regionalen Zeitungen der NSDAP übernahmen diese Linie. In unserer Region war dieses die Niedersächsische Tageszeitung. Wobei festzuhalten ist, dass diesen Kurs des Kampfes gegen das Undeutsche, der ein Kampf gegen die künstlerische Moderne insgesamt war, vielerorts die parteiungebundene Presse mit gleichen Worten unterstützte. So auch in Göttingen, wo das Göttinger Tageblatt die Nazi-Zeitung noch überbot. Und es gab die Nazi-Blätter, die nur als politische Pornographie bezeichnet werden können, die, wie Julius Streichers Stürmer, in Exzessen ihren Hass an jüdischen Künstlern ausließen.
Obwohl dieses alles seit Jahren besichtigt werden konnte, wurde das mit den anwachsenden Stimmengewinnen der NSDAP herannahende Unheil unterschätzt. Eine schlüssige Antwort auf das Fehlen einer harten Gegenwehr, auf das tatenlose Zusehen von Millionen von Bürgerinnen und Bürgern bei den Anfangsaktionen der Nazis gibt es nicht. Es war ja durchaus nicht so, dass einige der Aktionen, über die noch zu reden sein wird, breite Zustimmung fanden, und schon gar nicht war die NS-Herrschaft in ihren Anfangsmonaten so gefestigt, dass sie nicht massenhafter Einspruch hätte in Schwierigkeiten bringen können.
Möglicherweise hatte die von Beginn an von Gewalt im politischen Kampf geprägte Weimarer Republik die Menschen abgestumpft. In den ersten vier Jahren bestimmten Aufstände, Putschversuche, Attentate, unkontrollierte militärische Verbände das tägliche Leben der Republik. Selbst in der eher ruhigen Zwischenphase von 1924 bis 1929 war die Gewalt aus der politischen Auseinandersetzung nicht völlig verschwunden. Und sie lebte mit den Erfolgen der NSDAP bei den Wahlen 1929 und 1930 in verstärktem Maße im politischen Tageskampf wieder auf. Was sich bisher als Aggression gegen den politischen Gegner gerichtet hatte, erfasste nun auch andere. Als ein Beispiel will ich dafür die Demonstrationen gegen und die gewaltsame Störung der Aufführung des Films Im Westen nichts Neues erwähnen.
Erich Maria Remarques antimilitaristischer, pazifistischer Roman war ein großer Erfolg gewesen, obwohl er wegen seiner Tendenz von einer feindseligen, nationalistischen Kritik herunter geschrieben wurde, und Soldatenverbände und SA immer wieder gegen das Buch demonstrierten.
Wie sehr sich die Stimmung seit dem Erscheinen des Buches 1929 gewandelt hatte, zeigt das Schicksal dieses von Lewis Milestone verfilmten Romans. Schon das Verhalten der UFA, die 1930 von dem deutschnationalen Parteiführer Alfred Hugenberg beherrscht wurde, deutete das veränderte Klima an: Die UFA verweigerte ein Synchronatelier und in ihren Kinos darf der Film nicht aufgeführt werden. Zuvor hatte sie linksgerichtete Werbung in ihrem Kinos sowie die Aufführung sowjetischer Filme untersagt. Da in Göttingen sämtliche Kinos der UFA gehörten, schied unsere Stadt, wie viele Städte mit ähnlichen Eigentumsverhältnissen, als Aufführungsort des Filmes aus.
Als Im Westen nichts Neues in Berlin aufgeführt wurde, sprengte Joseph Goebbels mit SA-Trupps die Vorstellungen, sodass der Film schließlich verboten wurde. Dies war kein Einzelschicksal bei Filmen und Theaterstücken. Kritische Theaterstücke und kritische Filme gingen vielfach in Störungen und Saalschlachten unter. Verschärfend wirkte sich aus, dass nationalistisch eingestellte Polizeibehörden, eine schwächliche Filmzensur und eine kunstfeindliche Rechtsprechung schnell Verbote aussprachen und bestätigten. Ich war doch überrascht, welch lange Liste verbotener Theaterstücke und Filme in den Schlussjahren der Weimarer Republik entstand.
Die Kunstfreiheit der Weimarer Reichsverfassung war durch polizeiliches und richterliches Handeln am Ende der Weimarer Republik praktisch ausgehebelt. Die konservative Rechtsprechung, immer wieder durch den Reichsgerichtshof bestätigt, hatte die Kunstfreiheit erwürgt.
Diesen gesellschaftlich-staatlichen Zustand vor der Machtübernahme müssen wir uns vergegenwärtigen, wenn wir verstehen wollen, warum es Widerstand fast gar nicht und Proteste nur selten gab. Die kritische Kunst, ja sogar die schlicht nur republiktreue Kunst, war schrittweise vogelfrei geworden.
Wenn wir den ersten Monat der Regierungszeit Hitlers betrachten, so änderte sich in diesem Zeitraum wenig gegenüber der Kunst und den Künstlern. Der politische Kampf konzentrierte sich auf den Wahlkampf, in dem sich auch Künstler engagierten, doch Angriffe – auch der SA – auf sie sind eher selten. Die mit der NSDAP konkurrierenden Parteien sind Objekte der gewaltsamen Attacken, die KPD und die SPD, in den überwiegend katholischen Gebieten auch das Zentrum. Wo die NSDAP mit der SA die Straße beherrschte, wagte die SPD kaum noch öffentliche Versammlungen im Wahlkampf. In Göttingen fand die letzte Versammlung im Biergarten des Volksheims im Maschmühlenweg statt, weil man sich dort besser verteidigen konnte.
Die Eskalation der Gewalt begann dann nach dem Reichstagsbrand am 27./28. Februar, nun werden auch linksgerichtete Schriftsteller aus dem kommunistischen Umfeld verhaftet und die ersten, die sich bedroht fühlten, verlassen Deutschland. Der Exodus vieler Künstler, namentlich der künstlerischen Moderne, nimmt seinen Anfang.
Die nach dem Reichstagsbrand schnell erlassene Notverordnung Zum Schutz von Volk und Staat setzte Grundrechte außer Kraft und gab der Polizei unbeschränkte Vollmachten. Unmittelbar wird die noch zahlreiche sozialdemokratische Presse verboten, die zahlenmäßig geringere kommunistische Presse ist dieses schon, von zentraler Bedeutung ist jedoch, dass die liberale Presse zurückweicht, vorsichtiger wird, Ereignisse verschweigt, nur sehr zurückhaltend kommentiert. Sie fürchtete Verbote aufgrund der Notverordnung und die direkte Einflussnahme der Nazis, die dafür ihre gerade gewonnene, starke Position in den Polizeibehörden nutzten.
In Göttingen lässt sich diese Veränderung sehr plastisch bei den Göttinger Zeitungen des Jahres 1933 studieren: Das sozialdemokratische Volksblatt ist seit dem 28. Februar verboten, die liberale Göttinger Zeitung lässt nur noch zwischen Zeilen ihre Distanz zu einigen Ereignissen erkennen, das Göttinger Tageblatt steigert noch seinen Pro-Nazi-Kurs.
Das Klima des Sieges über den verhassten Staat von Weimar beförderte der Wahlsieg von NSDAP und Deutschnationaler Volkspartei am 5. März. Es ist kein überwältigender Wahlsieg, man hätte ihn durchaus als Wahlsieg mit vielen Vorbehalten des Wahlvolkes interpretieren können, was nicht geschieht. Im Gegenteil, das Gefühl der Stärke löste eine Fülle von Gewaltaktionen gegen politische Gegner, Andersdenkende, gegen Undeutsche aus, die vor allem die Juden treffen. Unter diesen Aktionen ragt mit den Judenprogromen am 1. April, in Göttingen schon am 28. März, neben der Besetzung der Gewerkschafts- und SPD-Häuser am 2. Mai, die Bücherverbrennung am 10. Mai hervor.
Sie war, wie die Forschungen der letzten Jahre ergeben haben, keine zentrale von den NS-Regierungen im Reich oder Preußen angeordnete Aktion, auch die NSDAP-Reichsleitung in München hatte sie nicht vorbereitet. Die ersten Bücherverbrennungen entstanden aus lokalen Besetzungen von SPD-Partei- und Verlagshäusern, so in Braunschweig und Dresden, wo am 8. Mai – drei Tage nach der Reichstagswahl die SPD-Häuser besetzt wurden. In Braunschweig war dieses die SS, in Dresden die SA. Die Bücher der Volksbibliotheken und der Buchhandlungen der Häuser wurden mit Parteiakten verbrannt. Ohne Plan, wahllos, die sozialistische Literatur sollte vernichtet werden. Solche lokalen Aktionen, denen stets der Charakter des spontanen zugesprochen wurde, gab es zahlreich.
Davon unabhängig, plante der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund, der die Deutsche Studentenschaft, die Dachorganisation der Studentenschaften beherrschte, Bücherverbrennungen an allen Hochschulorten, mit denen der undeutsche Geist vernichtet werden sollte.
Diese zweite Phase der Bücherverbrennungen, die sich durch einen hohen Grad an Vernetzung innerhalb der NS-Studentenorganisation auszeichnete, wurde am 13. April mit der Verbreitung des Plakates Wider den undeutschen Geist eingeleitet und es schließen sich Rundschreiben an die lokalen Gruppen an. Der Inhalt der Aktion wurde bis zu den Feuersprüchen vorgegeben. Nur mit den Schwarzen Listen hatte man einige Mühe, denn ein von der NSDAP erstellte Verzeichnis der undeutschen Literatur existierte nicht. Hier half den Berliner Organisatoren der nationalsozialistische Volksbibliothekar Dr. Wolfgang Hermann aus, der seit längerem mit zwei Kollegen Listen erstellt hatte. Seit Anfang April 1933 war der aktive Nationalsozialist für die Neuordnung der Berliner Stadt- und Volksbüchereien zuständig. Die Hermannschen Listen lieferten die Basis für die Anfang Mai beginnenden Sammelaktionen, denn mit den bei der SPD geplünderten Büchern allein hätten die Feuer nicht genug Stoff gehabt. Es begann die Aussonderung von Büchern aus den allgemeinen öffentlichen Bibliotheken.
Die Hochschulen hatten den Schutz ihrer wissenschaftlichen Bibliotheken bei der Reichsregierung durchgesetzt, der Buchhandel begrüßte über den Börsenverein die Aktion, auch lokale Zustimmung des Buchhandels gab es, so in Göttingen, aber Buchhandlungen durften nicht geplündert werden. Anders wurden die zahlreichen Leihbüchereinen behandelt, die ihre undeutschen Bücher abzuliefern hatten. Schließlich lieferten auch private Eigentümer indizierte Bücher in den angegebenen Sammelstellen ab. Hier war der Erfolg wohl unterschiedlich, denn in Berlin beschlagnahmten Polizei und Gestapo später bei mehreren Razzien in den Laubenkolonien über eine Million undeutscher Titel.
Die Bücherverbrennungen folgten einem vorgegebenen Schema: auf Handwagen oder größeren Fuhrwerken wurden die Bücher zum Verbrennungsplatz gefahren, um dort verbrannt zu werden, in den meisten Fällen sprach nur der NS-Studentenführer, Orte mit Reden von Professoren waren die Ausnahme. Danach wurden einzelne Bücher mit Feuersprüchen in die angezündeten Scheiterhaufen geworfen. In der Regel wurden 15 Autoren genannt. Nach dem einleitenden Satz: Gegen Internationalismus und Pazifismus oder ähnlichen Wertungen kamen die Worte: Ich übergebe dem Feuer die Schriften von…
Auch die Teilnahme hoher nationalistischer Würdenträger war die Ausnahme, erst in letzter Minute hatte sich der neu ernannte Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels bereit erklärt, in Berlin zu sprechen. Durch seine Teilnahme kam es zu einer Rundfunkaufnahme, sodass wir von dieser Bücherverbrennung ein Tondokument besitzen. Die nationalsozialistische Führung unterstützte nach anfänglichem Zögern durchaus die Aktion, aber sie fürchtete ablehnende Reaktionen, vor allem des Auslandes, deshalb war vielerorts ein Fotografierverbot erlassen worden.
Was bei der 2. Phase der Bücherverbrennungen noch den Charakter des ungeordneten vermittelte, sollte sehr bald in systematische Verfolgung und Vertreibung übergehen. Die Säuberungen nach überarbeiteten und erweiterten Schwarzen Listen erfasste jede öffentliche Bibliothek und Leihbücherei, auch der Buchhandel lieferte zunehmend Bücher ab. Freiwilliger Gehorsam sozusagen. Über den Sommer 1933 bis zum Herbst ziehen sich die Bücherverbrennungen hin. Bei der Aussonderung aus Schulbibliotheken und den folgenden Verbrennungen engagierte sich besonders die Hitlerjugend.
Eine weitere Säuberungsaktion leitete das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ein, das seit dem 7. April galt. In erster Linie sollte dieses Gesetz die Kommunal- und Länderverwaltungen, die Schulen und Universitäten von Republikanhängern, Kommunisten, Sozialdemokraten und vor allem Juden säubern. Es traf auch die nicht erwünschten Professoren an den Musik- und Kunstakademien. Unter den Entlassenen befanden sich die Vertreter der Moderne an erster Stelle.
Damit die Säuberung von den Vertretern des Undeutschen lückenlos wirken konnte, hatte das Goebbels-Ministerium das System der Reichskulturkammer mit ihren Unterabteilungen entworfen, das jeden Kulturschaffenden erfasste. Wer dort nicht aufgenommen wurde, verlor seine Arbeit, fand keinen Verlag mehr, wurde nicht mehr aufgeführt, durfte nicht mehr gedruckt, nicht mehr ausgestellt werden, schließlich wurden sogar Ateliers entzogen und Malverbote ausgesprochen.
Was sich bei der Säuberung der Preußischen Akademie der Künste, namentlich der Sektion Dichtkunst im Februar/März 1933 angedeutet hatte, exekutierte das Propagandaministerium nun im gesamten Reich. Ende 1933 war die Gleichschaltung des Kulturbetriebs im Wesentlichen abgeschlossen.
Nun entfalteten die Schwarzen Listen ihre volle Wirkung. Waren sie zunächst noch unvollständig gewesen, fehlerhaft in Namen und Erfassung, gingen die neuen Weisungen an die Kulturkammer, an Verlage, Redaktionen und Buchhandlungen weit über die Anfangslisten hinaus. Heinrich Heine, der nicht auf den Listen für den 10. Mai gestanden hatte, gehörte nun dazu; Oskar Maria Graf, der gegen seine Ausnahme von der Verbrennung protestiert hatte, ebenfalls. In einem besonderen Akt wurden seine Bücher in München verbrannt.
Im allgemeinen Bewusstsein hat sich festgesetzt, dass nur Schöne Literatur verbrannt wurde, dieses stimmt nicht mit der Realität überein. Neben den Büchern von 131 Autoren der Schönen Literatur wurden auch Kunstbücher, darunter Otto Dix und Georg Grosz verbrannt, und über 100 Titel von Autoren historischer und politischer Literatur.
Selbstverständlich Karl Marx und Friedrich Engels, Lenin, Trotzki; zahlreiche Sozialdemokraten sind darunter, Rudolf Hilferding, Karl Kautsky, Eduard Bernstein. Auch das Heidelberger Programm der SPD gehörte dazu sowie sämtliche SPD-Parteitagsprotokolle. Dass Theodor Heuß sechs Wochen vorher für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte, bewahrte sein Hitler-Buch nicht vor dem Verbrennen.
Soweit die Autoren noch leben, ist ihre Antwort eindeutig, tausende verlassen Deutschland, nehmen das Risiko einer ungewissen Zukunft auf sich, wer bleibt, muss sich mühsam durchschlagen, lebt in ständiger Gefahr, gar nicht wenige überleben die Verfolgung durch die Nazis nicht.
Diese Vertreibung deutscher Exzellenz aus dem literarischen Leben hat Folgen bis zum heutigen Tag. Nur wenige der vertriebenen Autoren kehrten in das literarisch-politische Leben Nachkriegsdeutschlands zurück, auch die Werke von Prominenteren – wie Joseph Roth – müssen lange auf Neuauflagen warten, viele verschwinden aus dem Markt, tauchen nur noch in Lexika auf. Wer die Ausstellung im Alten Rathaus ansieht, wird selbst bei guten literarischen Kenntnissen immer noch Entdeckungen machen.
Von Ausnahmen abgesehen hat es in Nachkriegsdeutschland weder eine breite öffentliche Rehabilitierung noch eine wirtschaftliche Entschädigung gegeben.
Auch unsere Erinnerungskultur hat sich erst verspätet der Bücherverbrennungen angenommen, obwohl sie eine Symbolhandlung des Nationalsozialismus waren. Dem Holocaust der Bücher folgte wenige Jahre später schließlich der Holocaust der Lebenden.
Göttingen ist dafür ein typisches Beispiel: 1953 bei der 1000-Jahr-Feier der Stadt, die im Mai 1953 – 20 Jahre nach der Bücherverbrennung auf dem Albaniplatz, 1933 Adolf-Hitler-Platz benannt – stattfindet, wurde die Bücherverbrennung in der historischen Darstellung still übergangen, obwohl die 1000-Jahr-Feier durch einen besonderen Gast beehrt wurde, dessen Theaterstücke, in der Nazi-Zeit verboten waren: Carl Zuckmayer lässt sein Stück Ulla Winblad zu Ehren der Stadt von seinem Freund Heinz Hilpert uraufführen. Der Rezensent, der 1933 im Göttinger Tageblatt über die Bücherverbrennung begeistert geschrieben hatte, rezensierte jetzt Zuckmayers Stück und schreibt auch sonst lobend über den prominenten Gast aus den USA. Keine Zeile, kein Wort verlor er über die Gründe für Zuckmayers US-Staatsbürgerschaft.
Als wir 1965 für eine Ausgabe der Studenten-Zeitschrift politikon über das Thema Georgia Augusta im Dritten Reich nach Dokumenten über die Bücherverbrennungen suchten, verweigerte uns das Universitätsarchiv jede Hilfe. Der damalige Leiter war ein hochbelasteter, ehemaliger Nationalsozialist. Wir fanden trotzdem die Dokumente, weil die Göttinger Zeitungen darüber berichtet hatten. Erstaunlich war, dass der Literaturwissenschaftler Gerhard Fricke – inzwischen Professor in Köln, leugnete, 1933 diese unglaubliche Hetzrede gehalten zu haben. Er sei verkürzt von der Zeitung zitiert worden, erklärte er. Wir fanden dann den Originalabdruck der Rede in der Göttinger Hochschulzeitung. Fricke war betroffen, mehr aber auch nicht. Alles in allem war er über zwanzig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus ein einflussreicher Hochschullehrer, seine Vergangenheit hatte ihm nicht geschadet.
Auch der studentische Organisator Heinz Wolff setzte seine Karriere in der Bundesrepublik fort: Der NS-Karrierist verwandelte sich in einen demokratischen Journalisten, der bis zu einem geschätzten stellvertretenden Chefredakeur der Westdeutschen Zeitung in Wuppertal aufstieg. Erst spät wurde er entdeckt und eine besondere Ehrung durch den demokratischen Staat verhindert. Dieter Nelles hat in dieser Vortragsreihe davon berichtet.
Als 1983 – fünfzig Jahre nach den Bücherverbrennungen – umfassendere Veröffentlichungen erschienen, auch Gedenkorte wie in Göttingen, errichtet wurden, waren die meisten Organisatoren und Redner nicht mehr unter den Lebenden, im Unterschied zu den von ihnen Verfolgten hatten sie problemlos die Nazizeit überstanden, konnten sich in die Bundesrepublik integrieren und hatten stets ein gutes Auskommen gehabt.
Die Bücherverbrennungen und die nachfolgenden Aktionen gegen unerwünschte Literatur waren nur ein Teil der NS-Kunstpolitik.
Fast parallel zur Zerstörung der deutschen Literatur liefen die Aktionen gegen die entartete Musik. Da Musik in jedem Fall entartet war, wenn sie von Juden aufgeführt wurde, traf der erste Rammstoß in diesem Feld die jüdischen Orchestermusiker, Sängerinnen und Sänger. Eine Handhabe dafür bot das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums bei den staatlichen Theatern und Orchestern. Schon 1934 wurden sie als judenfrei gemeldet. Dirigenten, Regisseure, Sängerinnen und Sänger und viele weitere Mitarbeiter der Opernhäuser wurden Opfer der rassistischen Personalpolitik. Die Prominenteren, die bedeutenden Dirigenten Bruno Walter, Fritz Busch, Otto Klemperer fanden in der Emigration neue Engagements, auch viele der Sängerinnen und Sänger können sich behaupten, doch für die Mehrzahl bedeutete Emigration Karriereende und Armut. Die hervorragenden Orchestermusiker trugen viel dazu bei dass die Filmorchester in Hollywood einen hörbaren Qualitätsgewinn erfahren. Das Angebot an vertriebenen Orchestermusikern ist jedoch größer als die Aufnahmefähigkeit Hollywoods. Erschwerend wirkte sich aus, dass antisemitische Beamte des US-Außenminsiteriums die jüdische Zuwanderung in die USA bremsten, sodass noch nicht einmal die Quoten erfüllt werden konnten, und die Musikergewerkschaft blockierte bei den Arbeitsgenehmigungen.
Gezielte Aufmerksamkeit der nationalsozialistischen Kunstpolitik galt der Jazzmusik. Die Negermusik, wie sie von den Nazis genannt wird, verschwand sofort aus den Programmen des gleichgeschalteten Rundfunks und ihre Aufführung wird unterbunden. Auch die Unterhaltungsmusik wird von Undeutschen gereinigt. Ein verweichlichter Klang hatte zu verschwinden, der laszive Ton, der den deutschen Schlager bestimmt hatte, passte den Nazis nicht. Prominente Gruppen, wie die Comedian Harmonists, bekamen Auftrittsverbot, Komponisten und Texter, wie Friedrich Hollaender und Mischa Spoliansky erhielten keine Aufträge mehr und wanderten ebenfalls ab. Hollywood wurde auch für sie zum neuen Arbeitgeber. Nicht jeder schaffte jedoch den Anschluss an die neuen Verhältnisse.
Dieses gilt auch für einige prominente Operettenkomponisten, deren Operetten als undeutsch diskriminiert wurden. Undeutsch komponieren immer Juden; undeutsch ist auch ein zu leichter Stil. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der erfolgreiche Komponist Paul Abraham, der mit seinen Operetten und Filmmusiken ein wohlhabender Mann geworden war, wurde von diesem Verdikt getroffen. Die Blume von Hawai war vor 1933 seine erfolgreichste Operette und seine Schlager, wie Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände, waren Ohrwürmer in dieser Zeit. 1933 beendete seinen Höhenflug. In der Emigration verarmte er und ist in den USA auf die Unterstützung von Freunden und die Wohlfahrt angewiesen.
Das Hören der unterdrückten und verbotenen Unterhaltungsmusik ließ sich nicht völlig durchsetzen, denn über die importierten Filme und ausländische Radiosender blieb die Musik lebendig.
Härter wurde die Neue Musik getroffen. Atonalität galt a priori als entartet. Wenn der Komponist Jude war, hieß dieses, dass er seine Anstellung, seine Aufträge verlor, dass seine Kompositionen aus den Aufführungen verschwanden. Ernst Krenek, Kurt Weill, Erich Wolfgang Korngold, schließlich Arnold Schönberg mit seinen Schülern – Alban Berg, Anton Webern und Hanns Eisler – hatten zu verschwinden und mit ihnen Dutzende von Komponisten. Auch Paul Hindemith traf das Verdikt bei der Säuberung der Berliner Musikhochschule. „Hindemiths Musik ist der deutschen Art fremd, denn sie ist keine Kunst im höheren Sinne, vielmehr nur noch ein leeres Spiel mit Tönen, eine artistische akrobatische Kunstfertigkeit“, hieß es über ihn. Hindemith wanderte in die Türkei aus. 1937 kommt es zum Aufführungsverbot seiner Werke.
Hollywood war für einige der Komponisten ein Anlaufpunkt, manch einer machte auch dort Karriere als Filmkomponist, wie Erich Wolfgang Korngold, der viele Jahre den Hollywood-Sound prägte, sogar einen Oscar erhielt. In Deutschland wurde er jedoch zu einem Vergessenen. Erst in den 1980-er Jahren beginnt eine Renaissance seiner Orchestermusiken und seine Opern werden erneut aufgeführt.
Die Liste der Vergessenen bei der als entartet bezeichneten Musik ist lang und Neuentdeckungen lassen sich auch sieben Jahrzehnte nach der Vertreibung noch machen.
Die Anstrengungen der Nazis, den Musiksektor judenfrei zu bekommen und die entartete Musik zu verbannen, sind in unseren Kenntnissen über die NS-Kunstpolitik nicht so verankert wie die Bücherverbrennungen, das sagt aber nichts über die Härte der Verfolgung aus: Regelmäßig erschienen in den Mitteilungen der Reichsmusikkammer die Listen unerwünschter musikalischer Werke und die Literatur über den verderblichen Einfluss des Judentums in der Musik ist zahlreich. 1938-1939 wird in einigen Städten dann die Ausstellung Entartete Musik gezeigt, die der Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters in Weimar, Hans Severus Ziegler, zusammen getragen hatte. Ziegler fand nicht die volle Unterstützung des Propagandaministeriums, da er als entartet auch Anpasser an die NS-Musikpolitik denunziert hatte. Denn von den Neutönern hatten einige sich der NS-Kunstdoktrin unterworfen, zu nennen wären Carl Orff, Hans Pfitzner und Werner Egk.
Was die schöne Literatur, das unerwünschte Sachbuch, den Jazz, die neue Musik, die jüdischen Komponisten und Sänger schon früher getroffen hatte, erreichte 1937 auch die Bildende Kunst.
„München ist ein heißer Boden. Aber wir gewinnen ihn allmählich doch“, notierte Goebbels, auf die noch leidlich liberale Kulturatmosphäre der Stadt bezogen, im Mai 1937 in seinem Tagebuch. Das „allmählich“ ging schnell. Am Ende des Jahres war die Moderne verjagt und München wurde zu der Kunststadt der Nazikunst erklärt.
Das also liegt mehr als 70 Jahre zurück, am 19. Juli 1937 wurde die Wanderausstellung Entartete Kunst in München eröffnet. Es wurde die Kunst gezeigt, die in den Augen der Nationalsozialisten eben unwert war, weiterhin zu existieren oder ausgestellt zu werden. Die Ausstellung war übrigens mit dem Hinweis Für Jugendliche verboten gekennzeichnet.
Hitler selbst hatte die Ausstellung vorab besucht. Er gab die neue Linie der hemmungslosen Hetze gegen die Moderne in einer großen Rede über die „neue und wahre deutsche Kunst“ bei der Eröffnung der Großen Deutschen Kunstausstellung aus:
„Missgestaltete Krüppel und Kretins, Frauen, die nur abscheuerregend wirken können, Männer, die Tieren näher sind als Menschen, Kinder, die, wenn sie so leben würden, geradezu als Fluch Gottes empfunden werden müssten! Und das wagen diese grausamsten Dilettanten unserer heutigen Mitwelt als die Kunst unserer Zeit vorzustellen… hier gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder diese sogenannten „Künstler“ sehen die Dinge wirklich so und glauben daher an das, was sie darstellen, dann wäre nur zu untersuchen, ob ihre Augenfehler entweder auf mechanische Weise oder durch Vererbung zustande gekommen sind. Im einen Fall tief bedauerlich für diese Unglücklichen, im zweiten wichtig für das Reichsinnenministerium, das sich dann mit der Frage zu beschäftigen hätte, wenigstens eine weitere Vererbung derartiger grauenhafter Sehstörungen zu unterbinden. Oder aber sie glauben selbst nicht an die Wirklichkeit solcher Eindrücke, sondern sie bemühen sich aus anderen Gründen, die Nation mit diesem Humbug zu belästigen, dann fällt so ein Vergehen in das Gebiet der Strafrechtspflege.“
Die menschenverachtende Verhöhnung und offenen Drohungen brauchen keinen Kommentar. Doch 1937 waren bereits 4 Jahre nationalsozialistischer Herrschaft vergangen, warum kam diese überdeutliche Warnung an alle Künstler und Kulturschaffenden nicht bereits 1933, zu Beginn des Regimes?
Schließlich betrieben die Nazis seit der Machtübernahme Adolf Hitlers im Jahr 1933 eine Kunst- und Kulturpolitik, die schrittweise sämtliche Bereiche künstlerischer Produktion ihrer Kontrolle unterwarf. Künstler aller Kunstzweige wurden in vom NS-Staat kontrollierte Kammern gezwungen, von deren Mitgliedschaft die weitere Tätigkeit abhängig war.
Wer aus politischen, kunstpolitischen oder den sogenannten rassischen Gründen nicht in eine Kammer aufgenommen wurde, den schaltete die Verbotspolitik aus, der verlor seine berufliche Position. Diese umfassende Säuberung der deutschen Kunst begann mit den Bücherverbrennungen in vielen Städten, die mit einer Säuberung der Bibliotheken von politisch unerwünschter Literatur begleitet wurden. Nach der Literatur erfassten die Säuberungen dann schnell Theater, Film, Musik und die Bildende Kunst. Auch die Kunstkritik hatte sich der NS-Doktrin anzupassen. Doch für die bildenden Künste blieb die Situation vorerst widersprüchlich.
Bereits 1933 verließen Künstler wie Max Beckmann oder Wassily Kandinsky Deutschland und gingen ins Exil. Andere, wie Otto Dix, Ernst Barlach oder Oskar Schlemmer zogen sich in die innere Emigration zurück und hofften, abseits des gesellschaftlichen Lebens, im Verborgenen weiter arbeiten zu können, denn noch fehlten eindeutige Kriterien für das, was unter Staatskunst und was unter Entartete Kunst zu verstehen sein sollte. Innerhalb der NSDAP herrschte Uneinigkeit über den offiziellen Kurs in der Kunstpolitik. Der Propagandaminister Joseph Goebbels, der seit September 1933 auch Präsident der neu gegründeten Reichskulturkammer war, erkannte den Stellenwert des Expressionismus als Prestigeträger für Deutschland. Mit dieser Kunst fand Deutschland international Anerkennung und dies hätte auch auf politischer Ebene positiv genutzt werden können. Goebbels versuchte deshalb in den Jahren bis 1937 den Expressionismus als nordische Kunst zu deuten und für den Nationalsozialismus nutzbar zu machen. Sein Gegenspieler im Expressionismusstreit war der NS-Ideologe Alfred Rosenberg, ein entschiedener Gegner der Moderne und parteiintern auf Konfrontationskurs zu Joseph Goebbels. Rosenberg hatte schon in den 1920-er Jahren den Begriff des Kulturbolschewismus geprägt, er war der antisemitische Kunstideologe der NSDAP.
Manche – sofern sie nicht gleich als Juden gebrandmarkt und ausgegrenzt wurden – hofften aufgrund dieser parteiinternen Auseinandersetzung in den ersten vier Jahren der Nazi-Herrschaft noch, eine gewisse Freiheit der Kunst könne erhalten bleiben. Die Künstler wurden in diesen ersten Jahren aufgefordert, ihre Arbeit der Deutschen Sache zu widmen und sich auf die Seite der Nationalsozialisten zu stellen. Einige Künstler traten in dieser Zeit tatsächlich der NSDAP bei oder versuchten dies, selten aus Überzeugung, meist aus Selbstschutz und in der Hoffnung, so einer Entlassung aus der Kunstakademie oder dem Berufsverbot zu entgehen. Allerdings zeigte sich in fast allen Fällen, dass die Anpassung an das Regime keinen wirksamen Schutz vor Verfolgung und Diffamierung bot.
So widersprüchlich die Kunst- und Kulturpolitik der Nationalsozialisten in den ersten Jahren auch war, spätestens mit dem Jahr 1936 kam die Wende. Unmittelbar nach dem Ende der Olympischen Spiele in Deutschland verschärfte sich der politische Ton. In der Außenpolitik wurden nun keine Kompromisse mehr gemacht und das Ansehen Deutschlands in der Welt schien nicht länger wichtig zu sein. In der Kunst- und Kulturpolitik setzten sich die völkisch-reaktionären Ansichten von Rosenberg durch und auch Goebbels unterstützte nun vehement diesen neuen Kurs, wodurch es zu einer endgültigen Festlegung auf deutsche und undeutsche Kunst kam.
Dem gescheiterten naiven Postkartenmaler Adolf Hitler war die ungegenständliche, moderne Kunst von jeher zuwider. Hitler redete in seinen kulturpolitischen Reden der Jahre 1933 bis 1935 davon, der naturalistische Stil einer neuen deutschen Kunst werde sich gegenüber den modernen Stilen als überlegen erweisen. Doch stattdessen hielten Diskussionen über den Zustand der deutschen Kunst an. Eben erst die Ausstellung Entartete Kunst beendete 1937 diese Auseinandersetzungen über die nationalsozialistische Staatskunst. Zitieren wir noch einmal aus derselben Hitlerrede vom Juli 1937, gegen Ende heißt es dort:
„Wir werden von jetzt ab einen unerbittlichen Säuberungskrieg führen gegen die letzten Elemente unserer Kulturzersetzung. Sollte sich aber unter ihnen einer befinden, der doch noch glaubt, zu Höherem bestimmt zu sein, dann hatte er nun ja vier Jahre Zeit, diese Bewährung zu beweisen. Diese vier Jahre aber genügen auch uns, um zu einem endgültigen Urteil zu kommen. Nun aber werden – das will ich Ihnen hier versichern – alle die sich gegenseitig unterstützenden und damit haltenden Cliquen von Schwätzern, Dilettanten und Kunstbetrügern ausgehoben und beseitigt. Diese vorgeschichtlichen prähistorischen Kultur-Steinzeitler und Kunststotterer mögen unseretwegen in die Höhlen der Ahnen zurückkehren, um dort ihre primitiven internationalen Kritzeleien anzubringen.“
Dies war die Wende hin zur systematischen Verfolgung, Vertreibung und schlimmstenfalls Ermordung zahlloser Künstlerinnen und Künstler in Deutschland und Europa und hin zur beispiellosen Diffamierung und Vernichtung künstlerischer Werke.
Der folgenden Aktion Entartete Kunst, zu der die gleichnamige Wanderausstellung ja gehörte, fielen nach heutigem Forschungsstand schätzungsweise 20.000 Kunstwerke aus über 100 Museen und Sammlungen zum Opfer. Der überwiegende Teil wurde nach Beschlagnahme und Enteignung auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft, nachweislich auch vernichtet, gilt seitdem als verschollen. Nur die allerwenigsten dieser Werke haben heute wieder einen Platz in öffentlichen Sammlungen und Museen. Gemeinsam mit ihren Werken wurden auch die Künstlerinnen und Künstler verfolgt, vertrieben und vernichtet. Die ehemals gefeierte Avantgarde verließ Deutschland ins Exil, versuchte im Untergrund zu überleben oder beendete die Künstlerkarriere und flüchtete sich in tarnende Berufe. Jüdische oder politisch aktive Künstlerinnen und Künstler waren besonders bedroht und gefährdet, viele von ihnen wurden inhaftiert, in Konzentrationslager deportiert oder hingerichtet, oder in den Selbstmord getrieben.
Die Aktion Entartete Kunst wurde auch während der Kriegsjahre fortgesetzt, in den besetzten Gebieten ging der Kampf gegen die Moderne weiter. Mit Fortschreiten und Dauer des Krieges stand der wirtschaftliche Faktor dieser Aktion immer stärker im Vordergrund, denn der Verkauf der verhassten Kunst ließ einen beträchtlichen Gewinn erwarten. Vernichtet wurden dann nur noch solche Kunstwerke, mit denen man kurzfristig auf dem Kunstmarkt keinen ausreichenden Ertrag erzielen konnte.
Für die betroffenen Künstlerinnen und Künstler waren die Folgen katastrophal. Einmal als Entartet diffamiert, war das künstlerische Schaffen unmöglich geworden und das Leben in höchster Gefahr.
Von Beginn an besonders gefährdet waren die jüdischen Künstler. Der Antisemitismus des Nationalsozialismus war offenkundig und auch die Diffamierung und Vertreibung jüdischer Mitbürger und Mitbürgerinnen fand vor den Augen der Öffentlichkeit statt. Ein herausragendes Beispiel für das Schicksal jüdischer Künstler ist Otto Freundlich. 1878 in Pommern geboren, lebte er seit 1925 hauptsächlich in Frankreich, war Deutschland aber als Heimatland und durch zahllose Freundschaften eng verbunden. Mit der Machtübernahme 1933 rückten sein Werk und seine Person schlagartig in den Fokus der Verfolgung. Er war als Jude, als Sozialist und als abstrakter Künstler gleich dreifach belastet. Seine Kontakte in die alte Heimat wurden erschwert bis unmöglich gemacht, aus der Wahlheimat Frankreich wurde das Exil. Seine Skulptur Der neue Mensch erschien auf dem Titel des Ausstellungsführers der Entarteten Kunst – viele Arbeiten wurden zerstört und mit Kriegsbeginn wurde Otto Freundlich in Frankreich interniert. Sein Schicksal endete nach Jahren der Flucht und Angst 1943 mit der Deportation in ein Konzentrationslager, wo er ermordet wurde. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte erscheint es fast wie ein Wunder, dass überhaupt Kunstwerke von Otto Freundlich die Zeit überdauert haben.
Neben den Juden war die Politische Linke erstes Ziel des nationalsozialistischen Terrors. Parteien und Gewerkschaften wurden gleich 1933 verboten bzw. aufgelöst, Parteieigentum beschlagnahmt und verwüstet, Sozialdemokraten und Kommunisten wurden in Razzien verhaftet, verschleppt und misshandelt, wenn sie die Verhöre überlebten, dann waren sie für den Rest ihres Lebens körperlich und seelisch gezeichnet. Viele flüchteten und versuchten vom Ausland aus den Widerstand in Deutschland zu organisieren. Politische Aktivisten die in Deutschland blieben, lebten im Verborgenen in ständiger Gefahr, denunziert zu werden. So unter den Künstlern auch Fritz Schulze.
Schulze war Mitglied der Dresdner Sektion der ASSO (Assoziation Revolutionärer Künstler Deutschlands) und der KPD. Er beteiligte sich an zahlreichen Aktionen und war bekannt für seine öffentlichkeitswirksamen und teils spektakulären Auftritte. Nach der Machtübernahme belagerte die SA sein Atelier und er flüchtete mit seiner Frau, die ebenfalls politisch aktiv war, nach Leipzig. Trotz Ausstellungsverbot, Schutzhaft und ständiger Lebensgefahr blieb Fritz Schulze im politischen Kampf aktiv und es gelang ihm mehrfach, gefährdeten politischen Freunden zur Flucht zu verhelfen. Nur sein eigenes Schicksal nahm keine gute Wendung. 1941 wurde er als Widerstandskämpfer erkannt, verhaftet, verurteilt und am 5. Juni 1942 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Die überlieferten Bilder geben eindrucksvoll Zeugnis von der trotz alledem ungebändigten Kraft dieses politisch engagierten Künstlers. Zwei Arbeiten sind auch in der Ausstellung im Alten Rathaus zu sehen.
Das Weltbild der Nationalsozialisten konstruierte sich vorrangig aus dem Vergleich und der Abgrenzung. Wahnhaft wurde alles und jeder eingeteilt und so über Arier oder Nichtarier, wertvoll oder unwert entschieden. Angst und Hysterie gegen alles Fremde und vermeintlich Kranke wurde systematisch geschürt. Die Kategorien und Merkmale beruhten auf pseudowissenschaftlichen Gutachten von NS-Ärzten und selbsternannten Experten. Jede Abweichung von der festgelegten Norm wurde zur Gefahr für die Volksgemeinschaft stilisiert, so galt den Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen sowie den psychisch Kranken besondere Verachtung. Der Verdacht des Schwachsinns war ein probates Mittel, um eine Reihe von Zwangsmaßnahmen zu rechtfertigen – und dieses wurde als Stigma auch in der Aktion Entartete Kunst eingesetzt, um ganze Künstlergruppen oder Stilrichtungen zu diffamieren.
Ein erschütterndes Beispiel für diese Art der Verfolgung im NS-Staat ist das Schicksal des Künstlers Paul Goesch.
Der Maler und Architekt Paul Goesch verbrachte viele Jahre in Berlin, seine Skizzenbücher dokumentieren jedoch auch zahlreiche Studienreisen nach Frankreich, Italien, Süddeutschland und an die Ostsee. Im Jahr 1914 wurde Goesch zum Regierungsbaumeister befördert und war später im Postdienst im westpreußischen Kulm beschäftigt. Seine künstlerischen Arbeiten wurden stark beeinflusst von den Lehren Sigmund Freuds und von C.G. Jungs sowie vom Anthroposophen Rudolf Steiner. Daraus entwickelte er auch ein soziales Verständnis der Aufgaben eines Architekten und Künstlers.
Mit den Ideen der Psychoanalyse war er seit 1921 auch als Patient konfrontiert, da er aufgrund der Diagnose Schizophrenie in mehreren Nervenheilanstalten behandelt wurde. Diese Diagnose sollte ihm ab 1933 zum Verhängnis werden.
Seine Werke wurden beschlagnahmt und waren Teil der Ausstellung Entartete Kunst. Er selbst lebte zunächst in einer Klinik in Göttingen, in der er von seinem Schwager als Psychiater behandelt und geschützt werden konnte. Nachdem dieser selbst wegen kritischer Äußerungen strafversetzt wurde, konnte er nicht mehr verhindern, dass Paul Goesch 1935 in die Anstalt Teupitz in Brandenburg verlegt und schließlich 1940 in die Psychiatrische Klinik nach Hartheim an der Donau gebracht und dort ermordet wurde.
Otto Freundlich, Fritz Schulze und Paul Goesch – diese drei Namen stehen exemplarisch für ungezählte Künstlerinnen und Künstler, die die Jahre der NS-Herrschaft nicht überlebten. Sie stehen auch für eine Generation, deren künstlerische Produktion durch die Politik der Nationalsozialisten ausgelöscht wurde oder endete.
Die meist um 1900 geborenen Künstlerinnen und Künstler standen mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten erst am Anfang ihrer Karriere, die wenigsten waren bereits etabliert und durch die veränderte politische Situation blieb ihnen weitere künstlerische Anerkennung versagt. Diese Vergessene oder auch Verschollene Generation wird in der Kunstgeschichte erst seit den 1980-er Jahren intensiver erforscht. Der Nationalsozialismus ließ diese Künstler verstummen, der Krieg zerstörte ihre Werke und die Nachkriegszeit fand keinen neuen Zugang zu ihnen. So währte ihre künstlerische Laufbahn meist nur kurz und es blieb wenig oder nichts zurück. Zu dieser Legion der Vergessenen gehören beispielsweise Fritz Stuckenberg, Gerta Overbeck-Schenk und Rudolf Jahns.
Das Vergessenwerden illustriert die künstlerische Karriere Rudolf Jahns, der 1896 in Wolfenbüttel geboren wurde. Weil Rudolf Jahns nicht weit von uns lebte und arbeitete, möchte ich über ihn berichten.
Weil ihm sein Vater ein Studium der Malerei verbot, trat Rudolf Jahns nach dem Ersten Weltkrieg in den Finanzdienst ein, besuchte aber auch Abendkurse an der Kunstgewerbeschule in Braunschweig. 1920 wurde er nach Holzminden versetzt. Die Begeisterung für das Weserbergland wurde allerdings durch Ressentiments seiner Mitbürger getrübt: Wegen seiner Baskenmütze, und weil er Zeitschriften wie den Sturm, die Weltbühne und Die Aktion abonniert hatte, wurde Rudolf Jahns in der kleinen Stadt als der Kommunist denunziert.
In seinem künstlerischen Schaffen setzte er sich nach expressionistischen Anfängen intensiv mit dem Kubismus, dem Konstruktivismus und der Abstraktion auseinander. 1924 stellte er in Herwarth Waldens Sturm-Galerie aus. Gemeinsam mit Kurt Schwitters und anderen gründete er 1927 die Künstlergruppe die abstrakten hannover und begann im selben Jahr an der Reihe Konstruktiv, zu arbeiten, aus der auch das in dieser Ausstellung gezeigte Werk von 1928 stammt. In dieser Reihe variiert Jahns alle Möglichkeiten, Bilder durch gerade und mäandernde Linienverläufe, durch Aufteilungen des Bildfeldes und Variationen von Linienverläufen zu konstruieren.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Rudolf Jahns mit einem Malverbot belegt, eines seiner Werke wurde aus dem Provinzialmuseum Hannover entfernt. In den folgenden Jahren zog sich Rudolf Jahns in die innere Emigration zurück. Die Einladung, Arbeiten an den Aufnahmeausschuss für die nationalsozialistische Künstlervereinigung zu schicken, ließ er unberücksichtigt – „mit diesem Verein will ich nichts zu tun haben“ (Jahns). Nach den „Nazijahre[n]“, die „gezwungenermaßen der Landschaft gewidmet“ waren (Jahns), knüpfte er an seine abstrakten Arbeiten, die er versteckt hatte, jedoch wieder an. Sein umfangreiches Spätwerk bewegt sich zwischen figurativer Darstellung und geometrischer Abstraktion und ist von außergewöhnlicher Qualität und Vielfalt.
Große Ausstelllungen erhielt er zu Lebzeiten nicht. Er starb 1983. Erst jetzt gibt es eine umfangreiche Monografie über ihn und letztes Jahr würdigte ihn das Sprengel-Museum in Hannover mit einer Retrospektive. Auf dem internationalen Kunstmarkt erlösen seine Bilder gute Preise.
Auch darum geht es bei der Erinnerung an die Vertreibung der Moderne: Es gab keine Stunde Null. Auswirkungen der nationalsozialistischen Kulturpolitik blieben. In den Beständen moderner Kunst vieler deutscher Museen klafft bis heute eine schmerzhafte Lücke. Über Restitution, Rückgabe und Entschädigung wird nach wie vor gestritten.
In den beiden unterschiedlichen politischen Systemen der deutschen Teilung war auch die Entwicklung der Kunststile verschieden. War im Westen jeglicher Realismus in der Bildsprache als Ausdruck einer konservativen Antimoderne oder sogar einer Blut-und-Boden-Kunst verdächtig, so galt im Osten die Abstraktion als Ausdruck des dekadenten Kapitalismus, als bürgerlicher Formalismus. In dieser künstlerischen Blockkonfrontation hatten viele Künstler dieser Generation in Ost und West Schwierigkeiten, zu einer freien Entfaltung ihres Ausdrucks zu finden. Die Bilder in der Ausstellung sollen auch an das Schicksal dieser Generation der Vergessenen erinnern.
Die Vertreibung und Zerstörung der Moderne erfasste die gesamte künstlerische – und auch wissenschaftliche Produktion. Schöne Literatur, das politische und wissenschaftliche Sachbuch, die bildende Kunst, die Musik, der Film, die Architektur traf die Zerstörungswut der Nazis. Die Werke wurden vernichtet, mit Verboten belegt und die Protagonisten, Autoren wie Aufführende, trafen Berufsverbote mindestens, wenn sie Juden waren. Wer aus dieser Gruppe Deutschland bis zum Beginn des Weltkrieges nicht verlassen hatte, überlebte nur im Ausnahmefall den Holocaust.
Nach dieser Vertreibung der Exzellenz aus der deutschen Kultur gab es nach dem Ende des Nationalsozialismus keine Rückkehr zum status quo. Der zwischen 1933 und 1945 erlittene Verlust wirkt bis zum heutigen Tage. Auch daran gilt es zu erinnern.
Weiterführende Literatur
Julius H. Schoeps/Werner Treß (Hg.): Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933, Hildesheim 2008; dort: Werner Treß und Klaus Wettig: Göttingen. 10. Mai 1933 auf dem Platz vor der Albanischule, S. 377-391. (Olms Verlag).
Werner Treß: „Wider den undeutschen Geist“, Bücherverbrennung 1933, Berlin 20082 (vorwärts buch).
Albrecht Dümling (Hg.): Das verdächtige Saxophon, „Entartete Musik“ im NS-Staat – Dokumentation und Kommentar, Düsseldorf 20074.
verstummte stimmen, Die Vertreibung der „Juden“ aus der Oper 1933 bis 1945, Eine Ausstellung von Hannes Heer, Jürgen Kersting, Peter Schmidt, Berlin 2008. (Metropol).
Michael H. Kater: Komponisten im Nationalsozialismus. Acht Portraits, Berlin 2004. (Parthas).
Jonathan Petropoulos: Kunstraub und Sammelwahn. Kunst und Politik im Dritten Reich, Berlin 1999 (Propyläen)
Uwe Fleck (Hrsg.): Angriff auf die Avantgarde. Kunst und Kunstpolitik im Nationalsozialismus, Berlin 2007, Band 1 der Schriften der Forschungsstelle „Entartete Kunst“. (Akademie Verlag).
Peter-Klaus Schuster (Hrsg.): Die „Kunststadt“ München 1937. Nationalsozialismus und „Entartete Kunst“, 5. vollständig überarbeitete und ergänzte Auflage 1998 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
Klaus Wettig, Göttingen, am 25.05.2008
